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Dr. Eva-Maria Kampel

„Besser.SEIN“

Was achtsam sein mit besser werden zu tun hat.

 

Aus unserer Sicht geht es bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Achtsamkeit hauptsächlich um Folgendes: Dass wir mit uns selbst und unserem Potenzial besser in Kontakt kommen und dadurch weniger unnötigen Stress für uns und unsere Umgebung produzieren – kurz gesagt, dass wir bzw. unser Leben einfach „besser“ wird!

Achtsamkeit macht uns, wie Matthias Horx, der den „Megatrend Achtsamkeit“ prognostiziert hat, es treffend formuliert „mit mentalen Techniken der Selbstwirksamkeit bekannt, in der wir Verantwortung im Hier und Jetzt übernehmen können“. Das ist in Zeiten disruptiver Veränderungen, in Zeiten von Digitalisierung und Agilität – wie wir sie im Moment erleben- entscheidend.

Im Zusammenhang mit der Digitalisierung ist Achtsamkeit dreifach interessant: Zum einen macht Digitalisierung Achtsamkeit schlicht notwendig. Digitalisierung fordert und überfordert uns in einem Maß, dass wir gar nicht umhinkommen, unser Bewusstsein und unsere einzigartigen menschlichen Fähigkeiten mit allem zu entwickeln, was in unserer Macht steht. Wenn wir in der digitalisierten Welt nicht verloren gehen, sondern handlungs- und entscheidungsfähig bleiben wollen, dann lässt sich Digitalisierung auch als Motor nutzen, als  kräftiger Treiber für die Entwicklung unserer Achtsamkeit. Achtsamkeit wird notwendig, wenn wir innere Ruhe, Resilienz und Selbststeuerungsfähigkeiten entwickeln wollen, statt im digitalen Burnout zu landen.

Des Weiteren unterstützt Digitalisierung aber auch die Achtsamkeit direkt und kann sie erleichtern. Wir nutzen Apps, Blended Learning und Follow-Up-Programme, um mit Achtsamkeit in Kontakt zu bleiben. Das gesammelte Wissen der Menschheit zu diesem Thema steht uns wie nie zuvor zur Verfügung.

Drittens braucht auch die Digitalisierung Achtsamkeit. Wir blicken heute in eine ungewisse Zukunft: Erschaffen wir da gerade eine Welt, die uns und unsere bisherige Vorstellung vom Leben gar nicht mehr braucht, die uns zusehends verwalten, fremdbestimmen und abschaffen wird? Oder können wir mitgestalten, was da vor uns liegt? Ist es möglich, den technologischen Fortschritt in Einklang zu bringen mit unserem wirklich besten Interesse – als Einzelne und als Menschheit? Wenn wir diesen Tanz auf Messers Schneide hinbekommen wollen, werden wir unser ganzes menschliches Potenzial brauchen.

Die moderne Forschung ist zwar ein vergleichsweise junges Feld, aber sie bestätigt, was schon seit Jahrtausenden das Erfahrungswissen von Meditierenden ist: Achtsamkeitspraxis hat einen positiven Einfluss auf unsere physische und psychische Verfassung. Vor wenigen Monaten sind die Ergebnisse des „Ressource-Projects“ veröffentlicht worden, dem bisher größten Projekt zur Achtsamkeitsforschung, das durchgängig von Wissenschaftlern des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften begleitet wurde. Und die Befunde sind deutlich: Weniger Stressempfinden bei gleichem Arbeitspensum und die Stärkung von Konzentrationsfähigkeit und Mitgefühl. Wir können unsere Aufmerksamkeit fokussierter halten und uns Dinge besser merken. Wir können uns besser einfühlen – in uns selbst und in andere. Ganz nebenbei steigt unsere Lebensqualität sowohl im beruflichen wie auch im privaten Kontext. Aber auch auf Organisationsebene gibt es Ergebnisse: Kreativität und Innovationskraft, verbesserte Arbeitsbeziehungen, niedrigere Krankheitsraten, eine Reduktion der Fehlzeiten. Achtsamkeit wird immer mehr als Schlüsselkompetenz in der vielzitierten „VUCA -Welt“ erkannt.

Das führt uns zur Frage: Wozu machen wir das Ganze? Geht es bei der Achtsamkeit um ein neues Versprechen zur Selbstoptimierung, neuen Schwung für das Hamsterrad? Den nächsten Beitrag zu höher, schneller, weiter, mehr und jetzt eben auch noch agiler?

 

Diese Fragen und noch mehr werden im Buch „Mindful Leader“ von Esther und Johannes Narbeshuber beantwortet. Darin können sich die Leser zusammen mit Sam, einem Mindful Leader und dem Held des gleichnamigen Buchs, auf eine Erforschungsreise ins große Feld des Themas Achtsamkeit begeben. SAM ist auch der Name für das Salzburger Achtsamkeitsmodell - das erste und bislang einzige Modell, das das komplexe Thema Mindfulness anschaulich und praxisnah für den Organisationsalltag übersetzt.

 

Bei Achtsamkeit im Sinne der Arbeitsdefinition „Mit ruhigem, klarem Geist aufmerksam und wohlwollend im gegenwärtigen Moment sein.“ handelt es sich um ein Training fürs Gehirn – untermauert von vielen Erkenntnissen der Neurowissenschaft, die die Wirksamkeit und Effektivität dieser uralten Praxis bestätigen.

Gerade in unserer hektischen erfolgsorientierten Gesellschaft, in der „besser werden“ oft mit mehr Leistung bringen gleichgesetzt wird, steuern immer mehr Menschen geradezu auf einen Burn-out zu.

Dies ist oft eine Konsequenz aus einer verschobenen Wahrnehmung davon, wie Anstrengung und Ergebnisse zusammenhängen. Die meisten Menschen würden wohl Sam zustimmen, wenn es um die Frage geht wie Anstrengung und Ergebnis wohl zusammenhängen. Sein Motto lautet seit vielen Jahren: „Work hard, play hard!“ Er war immer der Meinung, dass diejenigen am erfolgreichsten sind, die am härtesten und am meisten arbeiten. Leistungsfähigkeit bedeutet für ihn, Überstunden als normal anzusehen, immer zu funktionieren und sich auch von einer Erkältung oder Kopfschmerzen nicht beeindrucken zu lassen.

Von der tatsächlichen Lösung ist er dann aber doch überrascht: Ja, zu Beginn bringt mehr tatsächlich mehr. In einem Diagramm visualisiert bedeutet das: „Sein“ Lösungsansatz und die der tatsächliche Kurvenverlauf beginnen beide ganz links unten. Von nichts kommt nichts. Tiefenentspannt den ganzen Tag im Bett zu liegen und darauf zu warten, dass uns das Universum die Reichtümer des Daseins an die Bettkante bringt, klappt nicht. Irgendwann gelangen wir in einen Bereich, in dem Leistung und Ergebnis in einem besonders günstigen Verhältnis stehen. Da sind wir produktiv und effizient.

Dann aber kommt ein Punkt, an dem das Ganze kippt und die Kurve wieder nach unten geht: Ab hier wird die Anstrengung zwar größer, das Ergebnis aber immer kleiner. Je mehr wir die Anstrengung danach erhöhen, desto kümmerlicher wird unser Output, bis irgendwann trotz maximaler Anspannung gar nichts mehr geht. Burnout heißt der Modebegriff für den Kreuzungspunkt der Kurve mit der X-Achse.

Bestimmt haben Sie schon den Begriff „Flow“ gehört. Er beschreibt wunderbar diese optimale Zone der Leistungsfähigkeit. Der ungarische Psychologe und bekannteste Flow-Forscher Mihaly Csíkszentmihályi hat diesen Begriff geprägt.

Nach Csíkszentmihályi erleben wir Flow, wenn das Verhältnis zwischen den persönlichen Fähigkeiten und den Herausforderungen einer Aufgabe ideal ist.[i] Rechts und links davon drohen Langeweile oder Überforderung. Sind wir aber „im Flow“, dann sind wir ganz im Moment und bei unserem Tun, vergessen Zeit und Raum, können unsere Kompetenzen und Talente fast mühelos abrufen, sind kreativ und erzielen hervorragende Ergebnisse. Die Kunst besteht nun darin herauszufinden, wo der Scheitelpunkt der Achse liegt – Achstamkeitsübungen können dabei helfen.

 

Im Allgemeinen können Achtsamkeitspraktiken mit ihren vielfältigen positiven Auswirkungen in vier Clustern zusammengefasst werden, die den aktuellen Stand der Forschung in Summe gut abdecken - die „vier positiven Effekte von Achtsamkeit und Präsenz“:

 

    • Fokus und Effizienz

    • Kreativität und Innovationsfähigkeit

    • Vitalität und Resilienz

    • Sozialkompetent und Mitgefühl

 

Ein Beispiel für eine Kernstrategie, um durch Achtsamkeit „besser zu werden“ ist Selbstführung. An dieser Stelle ein kleines Experiment: Machen Sie doch einen Augenblick die hier beschriebene Micro-Praxis:

 

Nehmen Sie beide Hände auf Brusthöhe und reiben Sie Ihre Handflächen schnell und kräftig aneinander, bis Wärme entsteht. Halten Sie die Handflächen weiter aneinander und nehmen Sie die Wärme wahr. Beginnen Sie nun ganz langsam die Handflächen auseinander zu bewegen und nehmen Sie wahr, wie lange Sie die Wärme zwischen den beiden Handflächen noch spüren.

 

Fertig? Klasse! Halten Sie einen Moment inne und notieren Sie sich, was Sie erlebt haben.

 

Nun wiederholen Sie bitte die gleiche Übung mit Ihrer ganzen Konzentration, aber denken Sie dabei an Ihre To-Do-Liste und versuchen Sie, die Top drei Aufgaben darauf in eine Reihung zu bringen.

 

Was haben sie erlebt? Sehr wahrscheinlich, dass nicht beides gleichzeitig geht. Sie können mit Ihrer Aufmerksamkeit bestenfalls hin- und herwechseln: Für einen Moment zu Ihren Händen, dann für einen Moment zur To-Do-Liste und so weiter.

 

Ihr Körpergefühl steht Ihnen immer als Sicherheitsanker zur Verfügung, wenn Ihr kognitives System Sie mit seinen Gedankenschleifen mehr in die Zukunft oder in die Vergangenheit entführen will, als Ihnen vielleicht lieb ist.

Dass unsere Amygdala in Stresssituationen ihr Eskalationsprogramm abfeuert und wir Angst haben, ist Teil unseres Setups. Mut bedeutet natürlich nicht, sich der Angst schlotternd zu ergeben und nur darauf zu warten, bis uns der Tiger endlich verschlungen hat. Mut besteht aber auch nicht darin, diese Angst zu unterdrücken und so zu tun, als wäre sie nicht da. Denn wenn wir die Angst wegdrängen, sitzt sie uns nur im Nacken und steuert uns von hinten.

Für Sam ist das eine, vielleicht die wesentliche Erkenntnis: Wahrer Mut besteht darin, der Angst ins Auge zu sehen. In dem Augenblick, wo wir das wagen, entsteht ein völlig neues Spiel und die Möglichkeit im „Sein“ (im Hier und & Jetzt) „besser zu werden“. 

 [i] Vgl. z.B.: Csikszentmihalyi, Mihaly: Flow. Das Geheimnis des Glücks. 3. Aufl., Stuttgart 2017.

 

Dr. Eva-Maria Kampel MIB MBA

Selbstständige Coach und Trainerin, Kooperationspartnerin des Mindful Leadership Instituts und der Trigon Entwicklungsberatung. Führungskraft bei Raiffeisen.

Doktorat der Rechtswissenschaften (Universität Salzburg), MIB Master of International Business (SMBS), MBA General Management (SMBS), zert. Coach (Trigon), zert. Trainer (MIO), U.lab Hub Host, Fortbildungen in den Bereichen Arbeitsorganisation, Teambuilding, Change Management, aktuelle Ansätze in der Organisationsentwicklung, agile Frameworks wie Scrum und Kanban, Entscheidungs- und Problemlösetechniken sowie im Umgang mit polaren und komplexen Situationen.

Arbeitsschwerpunkte:

§  Strategieentwicklungs- und -umsetzungsprozesse: Konzeption, Begleitung, Ableitung des Projektportfolioplans und der erforderlichen Umsetzungsstruktur, Projektportfoliosteuerung, Projektleitung in ausgewählten Projekten nach klassischen und agilen Methoden  

§  Unterstützung bereichsübergreifender / interdisziplinärer Teams in der Gestaltung ihrer Zusammenarbeit und ihrer Schnittstellen (Fach – IT bzw. in der Matrix) sowie in der Frage ob und wenn ja, wie agile Methoden zur Verwendung kommen sollen

§  Konzeption und Begleitung von Change Prozessen auf Basis der Theorie U von C. Otto Scharmer (Unternehmens- und Teamebene)

§  Achtsamkeit in Organisationen: Achtsamkeitsworkshops als Instrument der Team- und Führungskräfteentwicklung, Mindful Leadership Trainings sowie auf individuelle Fragestellungen zugeschnittene Workshops (Digitalisierung, Kreativität, Agilität, Unterstützung von Grass-Root Movements bis zur Verankerung von Achtsamkeit in der Personalentwicklung und auf strategischer Ebene, etc.)

§  Begleitung von (Nachwuchs-) Führungskräften in neuen Rollen und Aufgaben bzw. als Sparring Partner in Fragen der Organisationsentwicklung sowie in Suchfragen zum eigenen Führungsverständnis (beispielsweise in einem agilen oder hybriden Umfeld)