Henrike Brandstötter

 Politikerin, Autorin

Politikerin, Autorin

 
 

KONZEPTION, KONFRONTATION, KOMMUNIKATION – AKTIONISMUS BRAUCHT IMMER EINEN PLAN

Über den Plan:

Als am 29. September 2013 exakt 232.946 Bürgerinnen und Bürger NEOS für die beste Wahl hielten und so der jüngsten Partei auf Anhieb der Sprung ins Parlament gelang, war das für viele – vor allem etablierte Parteien – eine Überraschung. Zufall war es jedoch keiner. Dieser Erfolg war einmalig in der zweiten Republik und hatte viele Ingredienzien, vor allem aber einen Plan. Parteigründer Matthias Strolz hatte gemeinsam mit einer immer größerer werdenden Gruppe optimistischer Menschen in tausenden Arbeitsstunden ein solides Parteiprogramm entworfen, Allianzen gebildet und eine damals völlig neue Art der Bürgerbewegung in die Wahlen geschickt. Basierend auf den fünf Grundwerten Freiheitsliebe, Wertschätzung, Eigenverantwortung, Nachhaltigkeit und Authentizität gehen NEOS seit fünf Jahren Schritt für Schritt, etablieren sich in Gemeinden und Landtagen, scheitern dazwischen auch wieder einmal oder bekommen die Flügel gestutzt. Das feste Fundament bleibt und bildet die Basis für unser Handeln.

Als kleinste Oppositionspartei müssen wir uns die Aufmerksamkeit jeden Tag aufs neue erarbeiten. Der Platz in den Medien ist begrenzt, der Kampf um die Aufmerksamkeit von Usern sozialer Netzwerke hart. Ein bevorzugtes Mittel unserer Wahl ist kluger Aktionismus. Er hilft, komplexe Themen in nachvollziehbare Bilder zu übersetzen, lenkt den Schweinwerfer der Gesellschaft auf einen Sachverhalt, den wir thematisieren wollen, er macht spröde und sperrige Materie interessant und bringt einen lustvollen Moment in die Politik. Als Aktionismuschefin von NEOS beziehe ich mich bei den von mir geplanten und umgesetzten Aktionen auf das Konzept der nonviolent direct actions. Diese direkten und gewaltfreien Aktionen haben den Charakter einer Inszenierung, eines Spiels und sollen von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern wie auch den Betrachterinnen und Betrachtern als lustvolles Erlebnis, als befreiende Tat und als Moment der Selbstverwirklichung empfunden werden.  Aktionismus selbst muss einem exakten Plan folgen, der zugleich Raum für spontanes Handeln zulässt, wenn Unvorhergesehenes passiert: Wenn Menschen plötzlich aus ihrer Rolle als Zuseher_innen heraustreten und zu Akteur_innen werden, wenn die Polizei einschreitet, wenn das Wetter nicht mitspielt, kurzum, wenn eine ungeplante Eskalation passiert.

Meine Aktionistinnen und Aktionisten engagieren sich allesamt ehrenamtlich, sind im Brotberuf verlässliche, fleißige und erfolgreiche Menschen, denen Redlichkeit ein großes Anliegen ist. Sie tragen geputzte Schuhe, gebügelte Hemden und haben ein ausgezeichnetes Benehmen. Sie wissen aber auch als Freundinnen und Freunde der Freiheit, dass es einen Plan braucht und lassen sich daher auf militärischen Drill ein. Dieser kommt nicht als krude Wehrsportübung in abgelegenen Waldstücken daher, sondern als Klarheit. Aktionismus ist wie ein Militäreinsatz: Jede und jeder hat seine Rolle, auf die man sich einlässt und die bis zum Schluss nicht verlassen wird. Wir folgen einem exakten Drehbuch und das Motto ist meist: schnell rein, Job erledigen, schnell wieder raus. Die Aktion selbst muss dokumentiert werden, um größere Kreise ziehen zu können, und unser Embedded Journalist dabei ist der Lokalreporter. Für NEOS habe ich in den letzten fünf Jahren eine ganze Palette unterschiedlicher Aktionismen inszeniert: Antifa-Symbole und Sponti-Sprüche vereinnahmt und umgedeutet; den heutigen Vizekanzler Strache bis aufs Blut gereizt, um ihn auf NEOS wütend zu machen und durch seine Aufmerksamkeit mediale Relevanz zu erlangen; den Wiener Gemeinderat mit Sprechchören und Transparenten unterwandert; übermächtige Landeshauptleute von bedrohlichen Stelzengängern darstellen lassen und vieles mehr. Dabei muss es nicht immer laut und krawallig zugehen: Ich habe ein lebensgroßes Einhorn gekauft und auf Rollen gestellt. Wir ziehen es durch die Straßen und bekommen dadurch viel positive Aufmerksamkeit und die Gelegenheit für ein Gespräch. Im öffentlichen Raum wiederum wurden hunderte Spiegel platziert, auf denen stand, dass wir uns um jenen Menschen kümmern, der sich darin sieht. Die Liste ist lang, aber allen Aktionen gemein, dass sie immer dem Dreischritt folgen: Zuerst die exakte Konzeption, dann die erfolgreiche Konfrontation, schlussendlich die professionelle Kommunikation.

Über mich: 

Henrike Brandstötter arbeitete als Journalistin und Moderatorin ehe sie als Kommunikationsverantwortliche und Pressesprecherin für Medien selbst und später in der Politik eine andere Rolle einnahm. Die 42-jährige arbeitete viel mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen, sorgte beispielsweise für die erfolgreiche und zielgerichtete Eskalation zwischen dem Theatermacher Christoph Schlingensief und der Kronen Zeitung sowie politischen Akteuren bei seinem Kunstprojekt „Ausländer raus!“ im Rahmen der Wiener Festwochen. Seit fast fünf Jahren verantwortet Henrike Brandstötter nun den Bereich Aktionismus bei NEOS. Überdies bereist sie seit einigen Jahren intensiv afrikanische Länder und ist teilweise monatelang aus Autostopperin auf den Staubpisten Subsahara-Afrikas unterwegs. Dazu erscheinen im Oktober und November gleich zwei Bücher von ihr, beide im Verlag INDIEKATOR.